Über den Verein

Seit 1888 im Dienste der Kinder:

der Evangelische Kindergartenverein Bad Nauheim

 

Kinder sind zweifelsohne unser höchstes Gut. Sie werden umsorgt, verwöhnt und natürlich über alles geliebt. Von morgens bis abends halten sie einen dabei auf Trab. Sind es anfangs noch elementare Grundbedürfnisse, wie Essen oder die ein oder andere volle Windel, werden die Ansprüche bald größer. Eltern können davon ein Lied singen, wenn es mal wieder um ein neues Spielzeug geht. Eines ist jedoch unabwendbar: Kinder werden schnell groß. Sehr schnell. Neue Herausforderungen warten dann auf die Eltern und natürlich auf die Kinder selbst. Der Kindergarten gehört zu diesen Herausforderungen. Aus Sicht der Kleinen eine riesige Umgewöhnung. Sind doch Mama oder Papa plötzlich nicht mehr den ganzen Tag in ihrer Nähe. Dafür aber liebevolle Erzieherinnen und Erzieher. Und nach kurzer Zeit gehört der Gang in den Kindergarten zum Alltag der Kleinen, wie eine Gutenachtgeschichte vor dem Schlafengehen.

 

Pfarrer Johannes Münch (l.) versuchte während seiner Zeit in Bad Nauheim (1850-1878) eine Kleinkinderschule zu errichten. Seinem Nachfolger Pfarrer Karl Walz gelang dies im Jahre 1888.

 

Doch es gab auch andere Zeiten. Zeiten, in denen das Kindeswohl noch nicht über allem stand. Genauer gesagt, dass Zeitalter der Industrialisierung. So etwas wie einen Kindergarten gab es noch nicht. Eltern waren häufig von früh bis spät in einer der unzähligen Fabriken tätig. Heutiger Luxus, wie die 40 Stunden Woche oder gar Urlaub, war noch gänzlich unbekannt. Und so waren die Kinder die längste Zeit des Tages alleine, vertrieben sich die Langeweile auf der Straße. Am 19. April 1888 sollte sich dies jedoch in Bad Nauheim grundlegend ändern. Denn an diesem Tag wurde der Evangelische Kindergartenverein gegründet. Auf der Straße lernt man nicht Gutes. Aus diesem Grund sollten die Kinder nicht mehr länger sich selbst und der Straße überlassen bleiben, lautete damals der Aufruf zur Gründung.

 

Wer jetzt allerdings glaubt, die Kleinen kamen in einen Kindergarten, täuscht sich. Zunächst unterhielt der Verein eine so genannte Kleinkinderschule. Diese Art der Kinderbetreuung war geprägt durch eine christlich-missionarische Intention, die eine sittlich-religiöse Erstarkung der Kinder in den Mittelpunkt stellte. Doch trotz eines christlichen Menschenbildes im Hintergrund, war für die Gründer eines besonders wichtig: sie wollten für alle Kinder, egal welcher Herkunft, da sein.

 

Aller Anfang ist schwer

 

Schon zur Gründungszeit hieß es nämlich in der Satzung, dass Kinder aller Stände, Konfessionen und Religionen aufgenommen werden. Dies ist im Übrigen bis heute noch so und stellt ein gutes Beispiel dar, wie offen eine vom Glauben getragene Arbeit sein kann. Dies zeigte sich darin, dass der Verein verstärkt Frauen, oder wie in der Satzung festgehalten wurde, Jungfrauen, in die Arbeit einband. Genauer gesagt, sechs bis acht hiesige Frauen oder Jungfrauen. Erster Vorsitzender des Kindergartenvereins zur damaligen Zeit war Gemeindepfarrer Karl Waltz. Er betrat im Grunde völliges Neuland. Ob die Finanzierung oder die Beschaffung von Personal sowie geeigneten Räumlichkeiten, alles musste erstmals organisiert werden. Kein leichtes Unterfangen, wie sich schnell herauskristallisierte.

 

Der Wunsch nach einem eigenen Haus ging zu nächst nicht in Erfüllung. Und so diente ab 1893 das alte Wilhelmsschulhaus, das sich gegenüber dem Pfarrhaus befand, als Kleinkinderschule. Wobei befand vielleicht nicht ganz richtig ist. Denn das Gebäude existiert immer noch, wird aber natürlich nun anders genutzt. Allerdings erinnert eine Plakette an der Außenwand an die einstige Nutzung als Kleinkinderschule. Rechts sieht man eines der wenigen Bilder des Gebäudes aus dieser Zeit. Zugegeben, die Qualität ist nicht besonders gut, jedoch sind Bilder aus dieser Epoche schwer zu finden. Im Jahre 1901 wanderte die Kleinkinderschule dann gemeinsam mit der Schwesternstation sowie dem Gemeindehaus in ein extra neu errichtetes Gebäude direkt unterhalb der Wilhelmskirche. Als Erzieherinnen fungierten damals übrigens Diakonissen und Gemeindeschwestern aus Darmstadt. Zu verdanken war dies Pfarrer Otto Wissig, der die Damen in die Badestadt holte.

 

Auch bei der Finanzierung zeigte sich schnell die Schwierigkeit des Unterfangens einen Kindergartenverein zu leiten. Gerade nach dem Ersten Weltkrieg machte die Inflation dem Verein schwer zu schaffen. Kein Wunder, kostete doch zu dieser Zeit ein Brot 23 Millionen Mark. Kaum war diese Phase überstanden, zeichnete sich am Horizont noch etwas viel Schlimmeres ab: die Nazis übernahmen die Macht in Deutschland. Pfarrer Knodt war von 1927 bis 1946 Vorsitzender des Vereins und es lag nun in seinen Händen, die Geschicke des Kindergartens durch das schrecklichste Kapitel deutscher Geschichte zu steuern. Doch es kam, wie es kommen musste. Der Kindergarten schloss seine Pforten. Und so gab es ab 1941 einen Kindergartenverein ohne Kindergarten.

 

Der Neubeginn

 

Am 2. Mai 1945 nahm der Verein seine Arbeit wieder auf. Zwar war der Krieg offiziell noch nicht beendet, doch Bad Nauheim bereits von den Amerikanern besetzt. Die Schrecken der Nazis hinter sich lassend, wartete eine Menge Arbeit auf Pfarrer Knodt. Es fehlten Kindergärtnerinnen, Essen war ein knappes Gut und auch sonst mangelte es an allem. Deshalb wandte sich das Pfarramt am 17. Juli 1946 an die Militärdienststellen der Amerikaner mit der Bitte, durch Nahrungsmittelspenden wenigsten ein Frühstück für die Kinder zu sichern. Und die US-Army half. Dank großzügiger Spenden, konnten sich die Kinder auf ein reichhaltiges Frühstück freuen.

 

War ein großes Ereignis im Jahre 1962, zu dem auch der damalige Landrat Milius kam: die Einweihung des Kindergartens an der Wilhelmskirche.

 

Nach Pfarrer Knodt übernahm Pfarrer Karl Müller die Leitung des Vereins. Unter ihm entstanden drei Neubauten, darunter die Kindergärten im Goldstein und am Lee Boulevard. Auch der Kindergarten an der Wilhelmskirche bekam 1962 neue Räumlichkeiten spendiert. Die Stadt zahlte die Kosten, der Verein übernahm die Trägerschaft. Es war eine Blütezeit. Bis zu 300 Kinder wurden betreut. Dafür gab es an anderer Stelle neue Probleme: die Suche nach geeigneten Mitarbeitern, die sich dem Geist des Trägervereins anzuschließen bereit waren. Denn Glaube und Kirche waren damals keine unangefochtenen Größen mehr.

 

Zum 100-jährigen Bestehen des Kindergartenvereins wurde an der Wilhelmskirche ordentlich gefeiert.

 

Dies bekam auch Pfarrer Dieter Ruhland zu spüren, der ab 1974 erster Vorsitzender des Kindergartenvereins war. Rückläufige Anmeldungen und steigende Kosten, bei gleichzeitig geringer werdender Kirchensteuer, sorgten dafür, dass der Kindergarten im Goldstein aufgegeben werden musste. Dafür ergab sich ein neues Themenfeld, mit dem sich der Verein befasste und noch heute tut: die Integration ausländischer Kinder. Ganz im Sinne der Satzung von 1888, Kinder aller Stände, Konfessionen und Religionen aufzunehmen.

 

Der Evangelische Kindergartenverein heute

 

2013 feierte der Kindergartenverein sein 125-jähriges Bestehen. Damit zählt er zu den ältesten in ganz Deutschland. Viele Höhen und ebenso viele Tiefen galt es während dieser langen Zeitspanne zu überstehen. Ob der schwierige Start, das Finden passender Räumlichkeiten und Mitarbeiter, die Nazidiktatur oder steigende Kosten bei sinkenden Anmeldungen, der Glaube an die Arbeit, an die Betreuung der Kinder, ließ so manches Tief  erträglicher erscheinen.

 

Natürlich hat sich im Laufe der Zeit auch die Arbeit selbst verändert. Die Betreuung ist professioneller geworden, andere Schwerpunkte rückten in den Vordergrund. Themen, wie Integration, Inklusion (Teilhabe und Zugehörigkeit behinderter Kinder) und der steigende Bedarf an U3-Plätzen, bestimmen heutzutage die Arbeit der Einrichtungen, von denen der Verein drei sein Eigen nennt. Diese sind die Kita an der Christuskirche (seit 1995 Teil des Vereins), die Kita am Lee Boulevard und der Kindergarten an der Wilhelmskirche. Geschäftsführer des Vereins ist Karlheinz Hilgert, erster Vorsitzender Pfarrer Ulrich Becke.

 

Aus einer Kleinkinderschule wurde im Laufe der Jahre drei Kitas, die aus Bad Nauheim und Umgebung nicht mehr wegzudenken sind. Hier sieht man eine Impression aus dem Sommerfest 2015 der Kita Lee Boulevard.

 

Jede der drei Einrichtungen geht in Sachen Konzeption eigene Wege. So ist z.B. der Kindergarten an der Wilhelmskirche heute der einzige in ganz Bad Nauheim, der noch in festen Stammgruppen arbeitet. Die Kitas an der Christuskirche und am Lee Boulevard sind offener gestaltet und bieten Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren an. Integration und Inklusion wird dagegen in allen drei Einrichtungen gelebt und gefördert. Und noch eine Gemeinsamkeit weisen allesamt auf: die Liebe zu den Kindern und die Leidenschaft an der Arbeit mit ihnen.